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Cover des Romans Die Hängematte und die Kolibris (Le Hamac et les Colibris) von Karine Baridon: eine rothaarige Frau liegt in einer weißen Hängematte auf türkisfarbenem Grund, über ihr drei bunte Kolibris, ein Komet zieht über den Himmel

Die Hängematte und die Kolibris. Ein Roman von Karine BaridonKapitel 6 —
Jetlag

Motto

Verlorene Stunden, meine Sternstunden!

🎧 Hörbuch (auf Französisch) — Kapitel 6, Jetlag

Das Lied zum KapitelSpotify

Der Text

Arbeitsübersetzung, wird noch von Muttersprachlern gegengelesen.

Ich trainiere eine englische Kampfkunst, für eine Französin sehr schwer zu meistern… Höflichkeit: Es tut mir leid, tut mir leid, tut mir leid und nochmals leid. Bei den Fröschen eher selten! Selbst mit dem Kopf unter der Guillotine gibt der Gallier nie zu, dass er im Unrecht ist. Ein Fehler ist eine Schwäche. Eine Entschuldigung, eine Kapitulation. Lieber arrogant lügen, als vor Scham sterben! Ehrensache! Der Frog verhandelt nur aus einer Position der Stärke und entschuldigt sich nie. Zu riskant für sein Ego.

Ich dagegen hatte nie ein Problem damit, mich zu entschuldigen.

Ich habe sehr früh gelernt: Um nicht ins Kreuzfeuer derer zu geraten, die nach dem Motto leben „Wer den Hund schlagen will, findet immer einen Stock“, musste ich mich allermindestens für Dinge entschuldigen, für die ich nichts konnte, und nebenbei auch dafür, wer ich bin, denn offenbar passt es nicht jedem, dass ich ich selbst bin. Logisch, jeder ist einzigartig, aber manche scheinen das nicht zu wissen, also übe ich seit Jahren das Entschuldigen:

— Ich entschuldige mich dafür, ein Opfer meiner Ängste zu sein, sonst würde ich dieses Buch nicht schreiben. Denn offenbar bin ich eine der wenigen, die sich dafür interessieren, was sich im Unbewussten versteckt. Bringt nicht genug Geld, heißt es. Völlig uninteressant.

— Ich entschuldige mich dafür, in meiner Hängematte den Kolibris zuzuschauen, während andere arbeiten, na ja, ich kenne einige, die so tun als ob, und für meine Arbeit zahlt mir trotzdem keiner was!

— Ich entschuldige mich dafür, dem Lachen der Kinder am Meer zuzuhören, statt TeleKata 24/24. Lächeln oder eine Flunsch ziehen? Meine Wahl ist getroffen!

— Ich entschuldige mich dafür, Zahlen und Nummern in Ziffern zu schreiben, weil das in allen Sprachen leichter zu lesen ist, ein Legasthenikerinnen-Trick!

— Ich entschuldige mich dafür, keine Kinder bekommen zu haben, weil mir eine Skalpell-Fanatikerin die Eierstöcke entfernt hat, ohne mich nach meiner Meinung zu fragen. Genau die, die mit ruhigem Gewissen schläft und der mein vorzeitiges Altern, verursacht durch das Hormonchaos, das sie ausgelöst hat, völlig schnuppe ist. Ja, ich gebe es zu, ich bin ein klitzekleines bisschen sauer.

Die Ärztin — Was steht heute an?

Die Krankenschwester — Hysterektomie.

Die Ärztin — Wir machen auf, die Eierstöcke nehme ich gleich mit, zack, weg damit! Sie merkt es sowieso nicht, sie schläft. Die Krankenkasse übrigens auch nicht, so kann ich das Doppelte abrechnen.

Die Krankenschwester — Dafür müssen wir einen guten Grund eintragen, Frau Doktor.

Die Ärztin — Schreiben Sie zur Vorsorge, das geht immer durch, und falsch ist es nicht*: meine Altersvorsorge!

— Ich entschuldige mich dafür, Single zu sein, denn ich habe mir die Zeit genommen, ein Buch zu schreiben, um mich vom letzten Mann zu erholen.

— Ich entschuldige mich für meine üppigen Kurven, in den 50ern der letzte Schrei.

— Ich entschuldige mich dafür, im Süden groß zu sein, denn die Männer reichen mir bis zu den Achseln.

— Ich entschuldige mich dafür, überqualifiziert zu sein, denn in Frankreich soll ich meine Kompetenzen immer rechtfertigen, ohne dass sie je bezahlt werden, und keiner wird dabei rot!

— Und natürlich entschuldige ich mich dafür, dass ich mich dafür entschuldige, so bescheiden zu sein, das gleicht sich aus!

— Aber vor allem, mehr als alles andere, und ganz besonders, entschuldige ich mich dafür, nie pünktlich zu sein! Denn in meinen Verspätungen steckt große Kunst*, ohne dass ich groß daran arbeite.

Was absolut nichts mit meinen Eltern zu tun hat, die Armen! Denn in meiner Familie ist Pünktlichkeit heilig! In die DNA eingraviert.

Mama hat die Uhr im Kopf, mit eingebautem Wecker, Uhrzeit an der Decke, Winterzeit, Sommerzeit. Voll ausgestattet, alle Extras. Sie ist unfehlbar, unschlagbar. Ihr kann nichts passieren. Alles läuft wie ein Uhrwerk, sie ist die Dirigentin der Zeitzonen. Ihr Geheimnis? Fahrpläne werden eingehalten! Der größte Stress meiner Mutter ist nicht, aus einem Zug oder von einem Boot zu springen, nein, das hat sie im Griff! Sondern nicht zu wissen, wie spät es ist!

Das ist erblich. Sie hat es von meinem Großvater, halb Elsässer, halb Schweizer. Pünktlichkeit ist das Familienvermögen, ein Schatz, von Generation zu Generation weitergegeben, heiliger noch als die Höflichkeit der Könige, das universelle Gesetz, nach dem das Leben läuft. Alles dreht sich um die Sonnenzeit. Unmöglich, außerhalb der zeitlichen Schwerkraft zu leben. Ohne die getaktete Atmosphäre geht alles den Bach runter.

Das Geheimnis ihrer Kraft? Ein riesiges Herz! Sie liebt die Menschen. Hat alle bei sich zu Gast, kümmert sich um alles und um jeden, beschützt ihre Familie und ihre Liebsten wie eine Löwin ihre Jungen. Sie lebt nach Heldinnenwerten: kämpft für das, was zählt, Familie, Arbeit, Gleichgewicht, Abenteuer, Exzellenz und über sich hinauswachsen.

Perfektionistin, sie macht alles mit Talent. Ein bisschen kontrollierend, sie sichert ab und beschützt. Ihr Ruder, um Kurs zu halten? Immer die goldene Mitte! Kritischer Geist und gesunder Menschenverstand mit beiden Füßen auf dem Boden, Humor und Selbstironie, Liebe und Kontrolle.

Vor meiner Geburt hat Mama 9 Monate Schwangerschaft hingelegt, picobello! Ich war so ruhig, dass sie keine einzige Wehe hatte. Und dann BUMM! 10 Tage Verspätung! Zum ersten und letzten Mal in ihrem Leben!

Der Arzt erinnert sich heute noch an diese schöne Brünette mit den grünen Augen und dem Blick wie ein Blitz, dem strahlenden Lächeln, den perfekten Proportionen, immer tadellos, selbst nach einem Marathon… Eine Frau, die souverän überhört, wenn man ihr vorschreiben will, was sie zu tun hat, und mit der Energie von zehn Männern zur Tat schreitet. Und ihre Stimme! Ein Megafon, das alle übertönt. Eine moderne Athene, die seine Praxis in eine Arena verwandelt, sobald sie hereinkommt. Unmöglich, sie zu vergessen! Oder ihrem Charme zu widerstehen.

Kapitel 6 des Romans Die Hängematte und die Kolibris: Renata, eine junge Frau mit welligem braunem Haar und grünen Augen, 10 Tage über dem Termin, in einem korallenroten Kleid, steht mit erhobenem Zeigefinger da und hält ihrem Arzt eine Standpauke, der hinter seinem Schreibtisch sitzen bleibt.

Mama — 10 Tage Verspätung, Herr Doktor! Stellen Sie sich das mal vor! Ich habe alles gemacht, was Sie mir gesagt haben… Nichts! Dann bin ich von Tischen gesprungen, um die Geburt einzuleiten… Nichts! So geht das nicht weiter, Herr Doktor! Das kann nicht so weitergehen! Wenn Sie nicht sofort eingreifen, nehme ich das selbst in die Hand! Also tun Sie was, aber vor allem, tun Sie es schnell!

Bei der Verspätung, die die Kleine jetzt schon hat, wird sie nie pünktlich sein! Das ist unerhört, Herr Doktor! Wegen Ihrer Nachlässigkeit muss ich ihr ständig im Nacken sitzen, um sie an die Uhrzeit zu erinnern! Zum Glück habe ich die Uhr im Kopf, um ihre Verspätung aufzuholen! Und ich dachte, Frankreich wäre ein großes Land! Regiert von Stümpern, jawohl!

Also haben sie sie betäubt, damit endlich Ruhe ist. Eine Pferdedosis, um kein Risiko einzugehen. Sie brauchten Stille, um konzentriert zu bleiben, ohne dass sie dazwischenfunkt, um die Operation zu überwachen.

Ich bin also per Kaiserschnitt geboren, 10 Tage nach dem Termin. Ich lag schön warm und ganz entspannt in meiner Hängematte und schaute den Kolibris zu, als plötzlich… zwei Riesenhandschuhe mich aus meinem Traum rissen. Und danach… nichts mehr! Eisige Kälte. Existenzielle Leere. Ich hatte vielleicht eine Panikattacke! Apocalypse Now, nur schlimmer. Ein echter Albtraum! Stell dir vor, Mama hat 24 Stunden geschlafen.

Ich — Hallo, hey! Mama? Papa? Wo seid ihr?

Ich war ganz allein im Dunkeln und schrie vor Angst. Schrille, immer lautere Schreie streiften mich, ohne mich je zu berühren. Ich dachte, sie kämen von draußen, dabei waren es meine eigenen! Ich habe mir ganz allein einen Heidenschreck eingejagt! Ich habe so geschrien, dass ich bis 7 Albträume davon hatte. Das wünsche ich keinem!

Ich — Hallo, hey! Ist da jemand? Ich habe Angst!

Aber die Praktikantin auf der Säuglingsstation war nicht in Stimmung… Alles nur, weil ihr Freund gerade Schluss gemacht hatte und sie mein Geschrei nicht mehr ertragen konnte! Meine schrillen Schreie haben ihrer Berufung zur Kinderpflegerin den Rest gegeben.

Die Säuglingsschwester — Das ist alles deine Schuld! Hättest du halt pünktlich auf die Welt kommen sollen, statt auf Wolke sieben zu planschen!

Ich — … …
Ist da noch jemand anders?

Aber ich ließ mich nicht täuschen… Diese Praktikantin hatte NICHTS mit dem Mutterinstinkt MEINER EIGENEN LIEBEN MAMA zu tun! Und so hat mich diese blöde Kuh, als ich gerade mal 3 Stunden auf der Welt war, glauben lassen, meine Eltern hätten mich verlassen, und zwar durch meine Schuld. Sie hat meine Uhrzeit-Phobie ausgelöst und mir Schuldgefühle fürs Leben verpasst.

Zum Glück SIND MEINE ELTERN NICHT VON DER SORTE! Sie hatten schon ihr Land verloren, kam gar nicht infrage, ihre Tochter im Stich zu lassen, niemals!

Aber da die Säuglingsschwester den Decoder nicht fand, um mich zum Schweigen zu bringen, hat sie mir ein Fläschchen in den Schnabel gesteckt, mit Brei für 12 Wochen alte Babys… Und dann wundert man sich, wie Zuckersucht und Laktoseintoleranz entstehen! Und warum man sich auf Schokolade stürzt, aus Angst, zu wenig Zuneigung zu bekommen? Einfach aus Angst, verlassen zu werden. Völlig irrational? Erklär das mal dem Säugling!

Nur dass meine Mutter EINE KRIEGERIN IST! Der Zucker bringt gegen sie nichts auf die Waage. Meine Verspätung war schon eine Katastrophe, aber zunehmen kam überhaupt nicht infrage! Ausgeschlossen, dass sich ihre geliebten Töchter zu solchen Ausschweifungen hinreißen lassen. Ich war für sie eine harte Nuss, aber ich bin in akzeptablen Proportionen geblieben.

Und wenn zufällig doch die Grenzen überschritten wurden, gab es Fliegeralarm mit Verstärker! Da legte man sich besser nicht an! Ihr Lautsprecher bohrte sich mir in die Trommelfelle, bis ich wieder im Normbereich war. Seit sie vermutet, eine Jugendliebe habe sie für ein schlankeres Mädchen verlassen, hat sie beschlossen, ein für alle Mal auf ihre Linie zu achten, und damit auch auf meine, um mir dieselbe Enttäuschung zu ersparen.

Sport ist ihre Religion. Man muss sich bewegen! Mit 85 geht sie jeden Tag spazieren. Nach einer Strahlentherapie ist sie täglich ihre zwei Stockwerke hochgestiegen und hat ihre 10 Minuten zwischen zwei Bänken gemacht. Angeknackste Hüften hin oder her, da ist nichts zu machen! Sie hat sich schneller erholt als eine 20-Jährige. Jetzt wandert sie, um sich auf den Marathon der Presqu'île du Sel vorzubereiten. Mama ist eine Naturgewalt. Man muss mithalten, um sie nicht zu verlieren. Keine Wahl, sie läuft mit Turbo!

Anyway. Das Trauma des Säuglings hat meine innere Uhr aus dem Takt gebracht. Ich habe meine Verspätung nie aufholen können.

Alles wegen eines Kaiserschnitts, der mir eigentlich helfen sollte, in Frieden zu leben! Und wegen einer gedankenlosen Praktikantin, die nie etwas von ihrer Missetat erfahren hat! So kippt ein Neugeborenes in den Calimero-Modus*! Und entwickelt, ohne es zu wollen, einen ängstlichen Bindungsstil, mit bloßem Auge völlig unsichtbar, unbewusst, nicht nachweisbar. So etwas findet nicht mal die C-14-Methode. Außer Sherlock Holmes* wüsste ich nicht, wer darauf kommen sollte.

Aber da ich beim ersten Mal nicht richtig verstanden hatte, wie man Nein sagt, hat man mir 50 Jahre später denselben Streich noch einmal gespielt.

Kurz und gut. Manchmal frage ich mich, warum man die Babys nicht in ihrer Hängematte lässt, wo sie den Kolibris zuschauen, statt sie aus dem Paradies zu holen, bevor sie so weit sind!

Mama, die Arme, kann das nicht verstehen, denn alles ist ganz ohne ihr Wissen und aus freien Stücken passiert. Meine beiden Eltern sind sich einig: Nur auf sich selbst und aufeinander zählen, das ist sicherer.

Mama glaubte verstanden zu haben, dass ihr Vater, den sie bewunderte, vielleicht ein Auge auf ihre Tante geworfen hatte. Man wird es nie erfahren, das Verfahren wurde eingestellt. Sie hat ihre Mutter mit Zähnen und Klauen verteidigt und niemandem mehr zugetraut, die Ihren zu beschützen. Selbst ist die Frau. Papa seinerseits wusste, dass alles geschrieben stand, als sein Vater viel zu früh starb, nur dass das Schicksal kein Datum lesen kann.

Als dann eines Tages ein Mann mit einem Ego, groß genug für ein ganzes Land, zu ihnen sagte: Ich habe euch verstanden*, und sie gleich danach entwurzelte, da haben sie sehr gut verstanden, dass niemand mehr an ihrer Stelle entscheiden würde. Sie waren Teil der Geschichte, und nebenbei hat das ihr Leben verändert und ihr Bedürfnis nach Kontrolle geweckt.

In dieser wackeligen Welt traut man dem Schein besser nicht und zählt nur auf sich selbst, um frei zu sein! Seitdem kontrollieren sie alles, um sich zu beruhigen. Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste! So wird man aus bedingungsloser Liebe ein klein wenig kontrollierend. Alles erklärt sich!

Und da meine beiden Eltern Pieds-noirs sind, und das seit vier Generationen, haben sie sich natürlich doppelt ins Zeug gelegt, um alles wieder aufzubauen und ihre geliebten Töchter zu beschützen! Kontrolle ist ihre Art zu lieben… und sie lieben uns über alles.

Da sie also alles vorausplanen, haben sie nie verstanden, warum ich seit meiner Geburt in einem existenziellen Jetlag lebe. Ich breche auf, wenn ich ankommen sollte, ich denke mitten in der Nacht an meine Termine. Meine Synapsen funktionieren in Sachen Uhrzeit wie ein Bahnübergang: mal Schranke auf, mal Schranke zu. Der Fahrdienstleiter stellt die Weichen ohne Vorwarnung um. Und das Personal streikt regelmäßig.

Der Wikinger — Du hättest bei der Deutschen Bahn anfangen sollen, da wärst du gar nicht aufgefallen!

Mama hat sich nie damit abfinden können. Das war ihre Lebensaufgabe: mich wieder auf die richtige Uhrzeit zu stellen. Also hat sie alles getan, alles richtig, alles akkurat, sie hat sich ein Bein ausgerissen. Und Papa hat sie immer unterstützt, um die Wogen zu glätten.

— Wann fährst du los, mein Schatz?
— Um wie viel Uhr ist dein Termin, mein Liebling?
— Achtung, die Uhren werden umgestellt!
— Hast du daran gedacht, deine Uhr umzustellen?
— Um wie viel Uhr kommst du morgen, mein Herz?
— Um wie viel Uhr kommen deine Kunden?
— Und wann gehen sie wieder?
— Weißt du wenigstens, welcher Tag heute ist?

— JEAN! WIE SPÄT IST ES?
— Na, kannst du nicht auf dein Handy schauen?
— Pfff… den kann man aber auch nichts fragen! Der kriegt nichts hin!
— Warte, ich sag’s dir… wie spät es ist!

— Schon! Aber du bist um diese Zeit noch nicht im Bett?
— Es ist spät, morgen bist du müde!
— Um wie viel Uhr stehst du auf?
— Soll ich dich anrufen, damit du es nicht vergisst?
— Los, ab ins Bett, mein Schatz! Wir telefonieren morgen!
— Ich hab dich lieb, mein Schatz, aber du gibst dir einfach keine Mühe.

Sie weiß nicht, warum… Mein Trauma hat sie nie richtig einstellen können!

Mama ist eine Lokomotive, mit Getöse und Dampf. Auch wenn die Waage manchmal hin und her pendelt… 10-mal… sobald sie sich entschieden hat, hält sie nichts mehr auf. Ihr tapferes Herz voller Kühnheit kommt schnell in Fahrt und stürmt mutig ihrem Schicksal entgegen! Sie fährt vor allen anderen los und kommt immer als Erste an! Sie plant alles voraus, wie eine Eieruhr! Alles ist durchgetaktet. Sie will alles wissen, um alles zu kontrollieren, und die Schäfchen sind im Trockenen! Sonst explodiert sie! Sie ist eine Bombenfrau!

Papa ist der Anker im Sturm. Steinbock durch und durch: pragmatisch, realistisch, stabil. Er geht präzise vor, null Blendwerk, nur die Fakten. Sein klarer Blick und sein trockener Humor kommen wie gerufen, genau im richtigen Moment! Er nimmt das Tempo raus oder spielt den Ball zurück, wie beim Tennis. Und manchmal ein Passing Shot oder ein schöner Volley. Er ist geradlinig, er beobachtet, er lächelt. Er sagt, was er denkt, auch wenn es nicht gefällt, das ist ihm egal. Er steht dazu. Was die Uhrzeit angeht, erledigt er alles sofort, ohne zu murren: Was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen. Die beiden verstehen sich wunderbar.

Gegenüber diesem großen, überschäumenden Herzen, das niemand kontrollieren kann, lässt er sich nicht mitreißen. Stabil, warmherzig, liebt er sie zutiefst, hält sie zärtlich im Sturm und bringt sie vor allem für sein Leben gern auf die Palme. Man muss sagen, er versteht sie besser als jeder andere, er weiß genau, dass alles von heute auf morgen vorbei sein kann, er hat es erlebt. Also zählt man besser auf sich selbst, und aufeinander, um voranzukommen, statt auf die Politiker: lauter Deppen! Sie haben sich entschieden zu leben, zu lachen, sich allem zu stellen, vor allem wenn sie Angst haben. Doppelt hält besser, wie meine Mutter sagt!

Zwei gleich starke Kräfte, zwei Charaktere, die einander ergänzen und gemeinsam in dieselbe Richtung gehen. Sie regen sich wegen Kleinigkeiten übereinander auf, nur um in Form zu bleiben. Gehen sich genauso auf die Nerven, wie sie sich lieben. Liegen sich oft in den Haaren, am liebsten vor den Kindern, genauso sehr, wie sie sich respektieren.

Aber sie können nicht ohne einander. Auch wenn sie manchmal gern ein bisschen Luft hätten, halten sie zusammen, auf Leben und Tod.

Sie sind so fest miteinander verwachsen, dass man die Veredelungsstelle nicht mehr sieht. Ein bisschen wie diese riesigen Bäume im Herzen des Amazonas-Regenwaldes, die ein ganzes Ökosystem um sich herum nähren und beherbergen.

Papa — Renata, der Arzt hat es dir schon hundertmal gesagt, Coraline hat einen strukturellen Jetlag, eine Art Legasthenie der Zeit. Du hast alles versucht, lass gut sein, lass sie leben!

Mama — Und das sagst ausgerechnet du? Dann hör auf, sie jeden Tag anzurufen! Und zack! Ich kenne dich doch, mit deinem konditionierten Reflex der bedingungslosen Liebe. Der muss erst noch geboren werden, der dich davon abhält, DEINE geliebten Töchter anzurufen, bevor du ins Bett gehst! Das beruhigt dich!

Papa — Na und? Wir rufen sie seit ihrer Geburt jeden Abend an, wir werden sie doch jetzt nicht durcheinanderbringen! Man muss es ja nicht übertreiben! Gute Gewohnheiten ändert man nicht!

Mama — Er und ich, wir sind gleich. Wenn er es vergisst, erinnere ich ihn daran, damit er ein schlechtes Gewissen hat. Und zack!

Papa — Wir verstehen uns. Seit 60 Jahren funktionieren wir so. Wir sind füreinander die Alarmanlage.

Mama — Die Wut weckt uns auf, sie hält uns am Leben, dank ihr bleiben wir immer in Alarmbereitschaft!

Papa — Das ist die sicherste Alarmanlage der Welt. Die Mädchen verstehen das nicht. Aber wir haben sie heimlich patentieren lassen, ohne ihnen was zu sagen.

Mama — Jean kümmert sich um alles, ich überwache. Früher war es umgekehrt, aber seit der Rente habe ich delegiert.

Papa — Ja, sie macht die Endabnahme!

Mama — Übrigens, Jean, hast du mal die Uhrzeit?

Papa — Es ist Zeit zu gehen.

Mama — Gut, wir müssen los, mein Schatz, in 15 Minuten kommt die Tagesschau um 20 Uhr. Um wie viel Uhr wachst du auf? Sehen wir uns morgen? Rufst du vorher an, um zu bestätigen? Tschüss, mein Schatz! Wir haben dich lieb! Wir rufen an, wenn wir da sind!

Papa — Gute Nacht, mein Schatz! Schickst du uns nur eine kleine SMS, wenn du ins Bett gehst? Dann sind wir beruhigt!

Mama hat die Uhr im Kopf. Also plant sie voraus, sie gewinnt Zeit. Ich dagegen habe anscheinend nur Flausen im Kopf, also lasse ich der Zeit ihre Zeit… Verlorene Stunden, meine Sternstunden! Jedem Tierchen sein Pläsierchen.

Der Journalist — Nach der Pause* kommen die Lokomotive und der Anker zu uns ins Studio, mit deiner Schwester im Waggon!

Die Autorin — Und der Wikinger sitzt zwischen den beiden? Na dann viel Glück, das kann ja heiter werden!

Der Wikinger — Ein Wikinger weicht niemals zurück. Das ist Ehrensache!

Ein Gratis-Roman zum Online-Lesen: bio, recycelt, ideal zum Feuermachen in langen Winternächten. Er verwandelt Chaos in eine kreative Goldmine, Ängste in Lachen und Leser in Schöpfer. Zero Waste. Sehr umweltfreundlich.

Themen dieses Kapitels

Eltern, die Pieds-noirs sind · Kontrolle als Art zu lieben · zu spät seit der Geburt